Mein Weg

Die authentischste Art und Weise, die männliche Sichtweise darzustellen ist es, meine eigene Geschichte zu teilen.

Der erste Kontakt

Es geht zurück bis dahin, als ich als kleiner Junge mit den Nachbarskindern spielte und wir irgendwann "Krankenhaus" spielten - was Kinder so tun. Als dann das Thema "Bein gebrochen" gespielt wurde, wusste ich - das ist etwas Anderes. Es wurde mir warm und eine Art von Gefühl wurde in mir stark, was ich heute als eine Art Rausch bezeichnen würde. Als kleiner Junge wusste ich nichts mit mir anzufangen. Alles, was sich ergab war, dass ich ab diesem Moment öfter Krankenhaus spielen wollte. Ich erinnere mich absolut klar daran, dass ich das Thema später im Elternhaus besprechen wollte und auf Runterspielen und Abwertung stieß. Der erste Kontakt und die erste Berührung mit Scham und Stigma. Ich wusste nicht, was das war, bekam keine Hilfe und kann es heute meinen Eltern nicht einmal übel nehmen. Denn woher sollten sie wissen? Es gibt schon heute, über 30 Jahre später, kaum Literatur und Aufklärung zu dem Thema. Wie sollten sie damals aus den Worten eines kleinen Jungen eine komplexe sexuelle Vorliebe raushören, die es zu besprechen galt?

Dann folgte eine turbulente Jugend mit den üblichen ersten romantischen Beziehungen und sexuellen Erfahrungen. Alle waren von dieser Vorliebe losgelöst und mit Partnerinnen ohne Behinderung. Jedoch schlichen sich immer wieder Ereignisse ein, die mich an diese Neigung erinnerten. Eine Lehrerin, die eine komplexe Beinprothese trug, eine einbeinige Geschäftsfrau auf Gehstützen im Einkaufszentrum, zahlreiche alltägliche Begegnungen mit Rollstuhlfahrerinnen, die für mich kein Bisschen alltäglich waren. Immer war da diese Aufregung, die Besitz von mir ergriff und mich in den meisten Situationen zum völligen Erstarren brachte. Ebenso waren scheinbar in den 90er Jahren einige Filme trendy, die Protagonistinnen im Rollstuhl enthielten. Zumindest bekam ich einige davon mit und es kristallisierte sich heraus, dass das Thema irgendwie eine größere Rolle in mir spielen würde.

Die Erkenntnis: Es ist eine sexuelle Vorliebe

Es dauerte auch für den jugendlichen Ben ein Wenig, bis ich feststellte, was da eigentlich in mir schlummerte. Lange waren es "nur" diese Begegnungen, dann folgte der erste Kontakt mit dem Internet und es liefen mir mehr oder minder harmlose Bilder über den Weg. Videos gab es zu Zeiten des 56k Modems noch nicht.

Eines Tages kam eine Bekannte aus der Schule mit einem gebrochenen Fuß und an Gehstützen zur Schule. Es muss irgendwann in der Oberstufe gewesen sein, Sexualität spielte also schon eine Rolle in meinem Leben. Mein System war sofort hochgefahren, ich fühlte mich verwirrt und irgendwie in Alarm. Das altbekannte Gefühl, aber plötzlich irgendwie realer und näher. Es war nicht so, dass ich sie plötzlich attraktiv fand oder gar daten wollte.

Dennoch bewirkte die Summe all dieser Ereignisse, dass ich irgendwann feststellte: Es ist eine sexuelle Vorliebe. Die direkte Reaktion war, es damals einer guten Freundin anzuvertrauen. Wieder versuchte ich es offen, obwohl sich in mir alles dagegen sträubte. Auch dieses Erlebnis verlief im Sande, sie hörte aus meinen Worten nur den Namen des anderen Mädchens heraus und war geschockt, ja fast eifersüchtig. Dass es für mich um etwas völlig anderes ging, blieb unverstanden. Und irgendwie war ich nach diesem Mut-Aufbringen auch nicht in der Lage, dies noch zu vertiefen.

Doch was damit tun?

Eigentlich begann schon mit dem Nicht-Bearbeiten der ersten Kindheitserlebnisse der Weg in die Verdrängung. Doch seinerzeit spielte die sexuelle Orientierung noch keine große Rolle. Wirklich wacklig wurde es nach oben genannten Erlebnissen und Erkenntnissen, denn nun hatte ich eine Richtung, war aber vollkommen verloren mit mir. Schon damals fühlte ich mich allein, verbrachte heimlich Nächte im Internet und recherchierte was das Zeug hielt, stolperte ungestüm durch sämtliche Foren, Diskussionsgruppen und Websites zu dem Thema. Wer sich etwas auskennt wird richtig vermuten: Dort fand ich sehr viele Verhaltensweisen, die mindestens fragwürdig, meist aber toxisch waren. So war ich ohne Führung, ohne positive Rollenbeispiele und ohne Orientierung. Es blieb mein Geheimnis und ich fand mich damit ab. Immer begleitet von dem beklemmenden Gefühl, irgendwie falsch zu sein.

Aus der Unterdrückung in den Schatten

“Einer von denen”? Es gab so viele von “denen”, Männer, die scheinbar die gleiche Vorliebe hatten und im Internet Fotos von Frauen mit Behinderungen austauschten. Woher ich das wusste? Weil ich sie mir ansah. Als junger Erwachsener begann das Thema Pornografie Einzug zu halten. Fragt man mich heute, war es mit Sicherheit lange eine Sucht. Keine Wahl im echten Leben zu haben, brachte mich ins Internet.

Und ja, auch ich habe mich schon mal unter falschem Namen in Online Portalen angemeldet, habe nächtelang die Fantasie in meinem Kopf rotieren lassen und mir Geschichten ausgedacht, wie ich mir die Rolle dieser “Frau” und ihrer Lebensumstände vorstellte. Also ja, auch ich habe Fake Profile gehabt, habe mich als fiktive Personen ausgegeben. Schatten, dunkle Tage, an denen ich wie im Rausch war. Und mich anschließend furchtbar fühlte. Ich war einer von “denen”, es stimmte. Und trotz des Bewusstseins dafür, war es wie mit jedem unterdrückten Anteil: Je weniger man sich selbst annimmt, desto mehr ergreift es Besitz von einem. Ohne, dass man es merkt.

Und so fand auch ich mich als Jugendlicher irgendwann an diesem Punkt wieder und war komplett verloren. Ich fühlte mich falsch, wie ein Alien, das auf dem falschen Planeten gelandet war. Vielleicht gab es ja irgendwo einen Planeten, auf dem die Frauen weniger Beine hatten, auf dem ich hätte landen sollen. Ich schämte mich für was ich war. Es musste aufhören. 

Also schob ich es im Laufe meiner ersten Beziehungen zurück. Niemand wusste es. Nicht einmal meine damaligen Partnerinnen, die eigentlich mein vollstes Vertrauen verdient hätten. Ich hatte Angst. Angst ein Freak zu sein, Angst FALSCH zu sein, Angst verurteilt zu werden und ja, auch Angst verlassen zu werden. Denn offensichtlich erfüllten meiner Partnerinnen diese Vorliebe nicht. Ein paar mal versuchte ich es noch zu teilen, sprach im weiteren Verlauf mit einigen Flirts auf Datingportalen darüber und führte endlich auch mal gute Gespräche mit anderen Betroffenen, sowohl männlich (Amelos) als auch weiblich (Frauen mit Behinderungen). Die Meinungen und Erfahrungen gingen stark auseinander, noch immer gab es keinen richtigen Weg für mich. 

Der Schmerz der Annahme

Anfang meiner 30er hatte ich schließlich genug. Eine langjährige Beziehung zerbrach, Covid erschütterte den sozialen Zusammenhang der Menschen noch mehr, ich verlor meinen Job und irgendwie war plötzlich alles egal. Beim Beginn einer neuen Beziehung fasste ich endlich den Mut es auszusprechen.

Der Impuls kam wie aus dem Nichts, es war einer der mutigsten oder eher verzweifeltsten Momente meines Lebens. Ich wollte nach vielen Jahren endlich ich selbst sein. Mich von Anfang mal nicht verstellen müssen beim Kennenlernen. Meine damalige Partnerin war nicht behindert und reagierte erstmal mit großer Verwunderung. Das war das erste Mal, dass ich es einer Person vollkommen bewusst und erwachsen bei voller Aufmerksamkeit gesagt hatte. Und nein, ich konnte es kaum in Worte fassen, ich zeigte ihr ein Foto einer Frau mit Beinprothese auf meinem Handy. Es dauerte etwas, bis sie verstand. Heute bin ich dankbar für diesen Schritt, der auch zu vielen weiteren Schritten geführt hat. 

Es folgten viele Diskussionen, Austausch, ja sogar Rollenspiele im Schlafzimmer. Eins war für mich klar, ich wollte es nicht länger im Keller einsperren und ich konnte es auch nicht mehr. Doch war das schon alles, waren ein paar (zugegeben sehr gute und wichtige) Rollenspiele schon das Ende dieser Reise?

Integration - wie lebt es sich damit?

coming soon ...