Die drei Dimensionen der Anziehung
Ein weiterer Unterschied ist die ungeahnte Intimität, die entsteht, wenn beide sich darauf einlassen. Eine Freundin von mir hat es mal extrem nüchtern formuliert:
Ansich ist es doch gut, dass es Amelos gibt, irgendwie sind sie doch das Gegenstück zur Frau mit Behinderung.
Dass es so einfach nicht ist, sollte bekannt sein. Doch ganz heraus-gezoomed, ist es so. Das zeigt sich besonders beim Zusammenschluss.
Kann ein Amelo / Dev wirklich offen zu seinen Gefühlen stehen und die Frau das auch annehmen, entsteht auf beiden Seiten ein Gefühl des Fallenlassens und der Freiheit in der Verbindung. Kein Verstecken, keine Zurückhaltung, kein Scham. Sich zeigen, einander schön finden, Reize, Flirts und gegenseitige Unterstützung.
Über die Zeit hat sich für mich persönlich herausgestellt, dass meine Anziehung sich in drei Dimensionen aufteilt:
Die Ästhetik: Rollstuhl, Prothese, Krücken. Sind für mich attraktiv, weil es eine andere Ästhetik, eine alternative Fortbewegung ist. Für mich ist z.B. eine Frau an Gehstützen oder auf künstlichen Füßen weitaus eleganter als jede Frau mit Abendkleid und hohen Schuhen. Aber es ist vergleichbar. Man findet es schön, ästhetisch, kann es aber nicht wirklich benennen, warum. Mal ist es der Scham des Anders-Seins, mal dei Bewunderung für Asymmetrie, mal ist es die Geschichte und mal sieht es auch einfach nur toll aus. Das ist etwas, was Menschen ohne diese Vorliebe nur schwer verstehen können.
Der Alltag: Außerdem gefallen mir viele alltägliche Situationen, die die Frau wegen ihrer Behinderung macht oder anders macht. Abends nach Ausziehen der Beinprothese an Krücken ins Bad gehen, sich im Restaurant vom Rollstuhl auf eine Bank setzen … Diese Dinge sind oft für die Frau am schwersten zu verstehen und werden auch am meisten hinterfragt. Warum sie mir gefallen? Ich kann es logisch nicht erklären. Doch ich kann sagen, dass es für mich jedes Mal eine kleine Erinnerung an die Behinderung ist. Als Mann an der Seite einer Frau mit Behinderung tritt trotz aller Attraktivität im besten Fall die Behinderung im Alltag in den Hintergrund. Nicht im Sinne von “weggucken” sondern im Sinne von “gehört halt zu uns, ist ganz normal” Wie oft habe ich z.B. meiner Partnerin schon übers Knie gestreichelt und sie sagte irgendwann “Du weißt schon, dass ich das nicht spüre, oder?” (Lähmung, Prothese…) und diese alltäglichen Situationen in denen die Behinderung kurz mal wieder sichtbar wird würzen für mich den Alltag. Ein guter Vergleich ist vielleicht: Der Mann findet an seiner Partnerin ihren großen Hintern attraktiv. Das weiß sie, aber im Alltag spielt es natürlich keine vorherrschende Rolle. Dann gibt es aber einen Moment, in dem die Frau sich nach etwas bückt und der Mann mal kurz einen Blick auf ihren wagt und genießt. Es ist aber nichts, was zwangsläufig zu Erotik führt, nur eine kleine Erinnerung daran, dass sie dieses Detail für ihn erfüllt.
Die Intimität: Die dritte Dimension betrifft die Intimität. Den Körper der Frau zu genießen, ist eine Sache. Wirklich körperlich so intim, wie es andere Paare nicht erleben wird die Amelo / Devotee Connection mit einer Frau dann, wenn z.B. Hilfsmittel nicht mehr funktionieren und man gemeinsam Barrieren nimmt.
Ob gezwungen: Im nicht barrierefreien Kino trägt der Mann seine Frau zu den Sitzen, weil der Rollstuhl unten bleiben muss.
Oder freiwillig: Die Frau zieht sich ihr Bein aus, weil sie entspannen will und gibt sich dann dem Mann hin.
Wenn man gemeinsam eine gute Dynamik und Absprache hat, kann man sich in diesen Momenten so ungeahnt nah kommen. Die Frau darf sich hingeben und fallen lassen. In vielen Konstellationen entscheidet sie es (z.B. Prothese im Bett nicht tragen) und in anderen Konstellationen ist es gegeben, dass man sich hilft (z.B. Querschnittlähmung). Es wird zu einem gemeinsamen Faktor. Sie muss sich nicht überanstrengen, muss ihre Behinderung nicht krampfhaft versuchen auszugleichen. Wo sie vorher dem Hilfsmittel vertraut hat, vertraut sie sich nun ihrem Partner an. Hingabe, Intimität, Verantwortung, Nähe, Leidenschaft.
