Der Mann kennt es nicht anders

Für viele Männer, die sich als Amelos bezeichnen würden, ist diese Vorliebe kein später Fund, keine Abzweigung im Erwachsenenleben und erst recht keine bewusste Entscheidung. Sie begleitet sie, so weit das eigene Erinnern zurückreicht. Häufig zeigt sie sich in der frühesten Kindheit — nicht unbedingt als klar artikuliertes Begehren, sondern als wiederkehrende Aufmerksamkeit, als innerer Magnet für bestimmte körperliche Merkmale oder Bewegungsmuster.

Viele dieser Männer erinnern rückblickend kein „Vorher“. Kein Leben, in dem sie Frauen anders wahrgenommen hätten. Keine Zeit, in der diese Besonderheit nicht schon mitgeschwungen wäre. Dadurch entsteht im Erleben ein besonderer Ausgangspunkt: Die Vorliebe begleitet sie so selbstverständlich seit der Kindheit, dass sie ihr Empfinden oft nicht mit einer anderen, früheren Perspektive vergleichen können.

Diese frühe Prägung führt dazu, dass Attribute wie eine Beinprothese, ein fehlendes Körperteil oder bestimmte Bewegungsabläufe für einen Amelo eine Wirkung entfalten, die andere Männer bei klassischen kulturellen Attraktivitätsmerkmalen empfinden: hohe Schuhe, bestimmte Kleidung, Make-up, Gestik. Für andere ist das logisch, weil sie sozial gelernt und häufig gesehen sind. Für Amelos ist das eigene Empfinden ebenso selbstverständlich – nur nicht gesellschaftlich eingeordnet. Ein Amelo betritt eine Party und sein Augenmerk fällt sofort auf die Frau im Rollstuhl, für ihn ist das normal, oft wundert er sich sogar, wieso nicht schon alle anderen Männer einen Flirtversuch unternommen haben und der ganze Raum nicht außer sich ist wegen dieser besonderen Frau. Denn schließlich ist es je nach sozialem Umfeld nicht selbstverständlich, eine Frau zu treffen, die ein solches Schönheitsmerkmal mitbringt. 

Genau hier entsteht oft das zentrale Kommunikationsproblem zwischen behinderten Frauen und Männern mit dieser Vorliebe: Viele Männer können die Vorliebe benennen, aber kaum erklären. Nicht aus Geheimniskrämerei, sondern aus mangelnder Vergleichbarkeit. Wenn man sein Leben lang nur eine Brille getragen hat, ist es schwer zu beschreiben, wie die Welt ohne sie aussieht.

Es ist für sie ähnlich schwer, die eigene Wahrnehmung logisch zu begründen, wie es für einen anderen Mann schwer wäre zu erklären, warum er eine Frau auf hohen Schuhen attraktiver findet. Die meisten Empfindungen dieser Art – egal welcher Art – folgen keiner rationalen Struktur. Sie entstehen, sie prägen, sie bleiben.

Frauen dagegen sind häufig in einer ganz anderen Position. Sie suchen Verständnis, weil Verstehen Sicherheit gibt. Sicherheit darüber, was der Mann fühlt, was ihn motiviert, ob er sie als Mensch wahrnimmt, ob er aufrichtig ist und ob die Vorliebe Teil einer gesunden Beziehung sein kann. Für viele Frauen ist diese Suche ein natürlicher Schutzmechanismus: Eine vorsichtige Annäherung an etwas, das sie einordnen wollen, bevor sie sich darauf einlassen.

Hinzu kommt ein weiterer, oft übersehener Punkt
Viele Frauen verfügen über einen erweiterten Horizont, weil sie unterschiedliche Erfahrungen vergleichen können — mit Männern mit dieser Vorliebe und mit Männern ohne sie. Manchmal kommen noch eigene Erfahrungen hinzu: Frauen, deren Behinderung nicht seit der Kindheit besteht, kennen ihr Leben in zwei körperlichen Zuständen. Sie wissen, wie sie als nichtbehinderte Frau behandelt wurden, und wie sie nun als behinderte Frau wahrgenommen wurden. Diese doppelte Lebenslinie ist ein Hintergrund, den Männer nicht haben — und der ihnen auch in Diskussionen mit Amelos eine ganz eigene Sicht ermöglicht.

Das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Perspektiven kann zu Missverständnissen führen, aber auch zu wertvollen Gesprächen. Männer erleben ihre Vorliebe oft als naturgegeben und unveränderbar, Frauen suchen in ihr zugleich Bedeutung und Verstehen. Beide Perspektiven sind legitim. Und beide können einander bereichern, wenn man anerkennt, dass sie von völlig unterschiedlichen Ausgangspunkten ausgehen.

Die Grundlage für wirklichen Austausch entsteht dort, wo beide Seiten akzeptieren:
Manche Dinge sind fühlbar, lange bevor sie erklärbar sind. Manche Wahrnehmungen begleiten einen Menschen ein Leben lang, ohne dass er je ein alternatives Empfinden kennengelernt hätte.

Am Ende geht es nicht darum, endgültige Antworten zu finden, sondern darum, einander zuzuhören, Unterschiede auszuhalten und gemeinsam zu erkunden, wie zwei Perspektiven nebeneinander bestehen können.